People are not handicapped by their condition, but by other people.

Don’t get adapted to the inacceptable.

Der Fall Mollath und das Psychiatrierecht

Der Fall Gustl Mollath

Zu diesem Fall ist hinreichend publiziert worden, Dr. Strate hat sich hierzu umfänglich im obigen Video geäußert und auch erläutert, wie es systemisch zum Fall Mollath kommen konnte. Viele andere Kollegen haben hierzu ebenfalls interdisziplinär ihre Einschätzung kundgetan, sodass wir auf ergänzende eigenständige Darstellungen und Kommentierungen verzichten und uns stattdessen der öffentlichen Würdigung des Falles anschließen wollen. 

Wir legen als täglich beruflich nicht nur in der deutschen Justiz, sondern auch in deutschen Psychiatrien, Behinderten- und Pflegeheimen ein- und ausgehende Professionelle lediglich Wert auf die Feststellung: Der Fall Mollath ist definitiv schon lange kein Einzelfall mehr. Der institutionelle Machtmissbrauch in Psychiatrie, Behindertenheim und Pflegeheim findet vor Ort so ungestört statt, als hätte es die Psychiatrie Enquete-Kommission nie gegeben.

Dr. Strate gibt ab Minute 56 des obigen Videos auch eine nach unserer Auffassung völlig zutreffende Erklärung hierfür: Wissenschaft findet im psychiatrischen Gutachterwesen, betreuungsrechtlichen Verfahren oder Verfahren nach PsychKG nicht statt. Als Gutachter und diagnostische Ausbilder in Psychiatrie und Klinischer Psychologie stellen wir auch hier fest: Dr. Strate hat völlig Recht. Hier wird im großen Stil ärztlicherseits verfassungswidrig willkürlich ohne wissenschaftliche Fundierung agiert, wir erleben dies ebenfalls in unserer täglichen Arbeit. Jeder Psychologe ist durch die zunehmende Empirisierung der universitären Psychologie-Studiengänge seit den 90er Jahren mittlerweile besser in Diagnostikfragen ausgebildet als Psychiater oder Ärzte, deren psychiatrische Grundausbildung in den 70 - 90er Jahren stattfand. Als klinische Ausbilder der aktuellen Studiengeneration geben wir uns sehr große Mühe, kompetente Diagnostiker auszubilden, die sich der wissenschaftlichen und ehtischen korrekten Anwendung psychologischer und psychiatrischer diagnostischer Instrumente verpflichtet fühlen, um zu validen Prognoseaussagen zu gelangen. Und nicht dem Handauflegen anhängen, wie eine Vielzahl deutscher Richter in Betreuungs- und Unterbringungssachen.

Die Zustände in deutschen geschlossenen psychiatrischen Abteilungen, die wir ebenfalls regelmäßig beruflich erleben müssen, sind zudem unter das Versorgungsniveau der 90er Jahre gefallen, ganze Akut-Stationen werden in Norddeutschland tagsüber von jungen unausgebildeten Unprofessionellen im Freiwilligen Sozialen Jahr gemanaged. Damit die Kostenseite für den Krankenhausträger stimmt. Und vielfach persönlich überforderte Betreuungsrichter nicken nur noch ab, was ihnen ärztlicherseits präsentiert wird. Damit es schnell geht und die Akte rasch vom Tisch ist. Fundierte Fallprüfungen nach wissenschaftlichen Standards finden nur noch selten statt. Durch die wenigen sozial engagierten Richter, die noch nicht wegen der Arbeitsumstände mit wehenden Fahnen aus der Justiz geflüchtet sind. Eine Würdigung des im Zuge des Falles Mollath eingeführten bayerischen Psychiatriegesetzes können Sie hier nachlesen, das Gesetz selber hier.

Statt dass Judikative und Exekutive denn Fall Mollath oder den Fall Ulvi K. inhaltsträchtig aufgearbeitet oder gar strukturelle Fehlstellungen behoben hätten, um weitere Fälle dieser Art zu verhindern, werden aktuell bundesweit die Polizeigesetze verschärft, um Menschen, die verfassungsgemäß berechtigt gegen staatliche Willkürherrschaft in Judikative und Exekutive vorgehen, noch etwas besser und einfacher in den Griff zu bekommen, indem man die hoheitliche Eingriffsvielfalt einfach bewusst verfassungswidrig kreativ erweitert. Und so den verfassungsmäßig garantierten Grundrechtsschutz der Betroffenen faktisch weiter abbaut. Nach 70 Jahren Grundgesetz. Das Netzwerk Pflegegewalt ruft daher ausdrücklich Betroffene von Zwangsunterbringungen dazu auf, sich für Musterklageverfahren der GFF zu Verfügung zu stellen, um den Grundrechtsschutz im Psychiatriebereich wieder herzustellen. Melden Sie sich bei uns, wir vermitteln weiter!

Tragisch wird dieser mangelnde Wissenschaftsanssatz und das individuelle Desinteresse der Akteure aufgrund Machtfülle, wenn es um schwerstbehinderte Menschen geht wie im Fall des Michael P. Diese Menschen haben keinen Chance, sich eigenständig gegen Willkür von Psychiatern, Betreuungsrichtern und Pflegheimbetreibern zur Wehr zu setzen. Sie sind den ihnen bestellten gesetzlichen Betreuern und den monetären Interessen der Akteure hilflos ausgeliefert. Die Strukturen im Fall Michael P. sind identisch mit den Strukturen des Falles Mollath. Deswegen arbeiten wir als Netzwerk Pflegegewalt den Fall systematisch öffentlich, strafrechtlich und politisch auf und bringen ihn in die Bürgerschaften der beteiligten Bundesländer Bremen und Hamburg, sowie in den Bundestag. Solche Fälle dürfen in einem sozialen Rechtsstaat nicht stattfinden. 

Helfen Sie uns dabei, indem Sie uns Informationen zukommen lassen. Gerne verlinken wir hier Videos über Ihre Angehörigen, Ihren Fall oder Drittinformationen. Bitte beachten Sie auch den Zeugenaufruf im Fall Michael P..

Die nachfolgenden Videos führen in die gutacherliche Praxis, Diagnose- und Qualitätskriterien bei der psychiatrischen / psychologischen Gutachtenerstellung ein. Es gelten für psychologische Gutachten die Ethik- und Qualitätsrichtlinien der APA. Wir möchten uns hier ausdrücklich der von Dr. Lütz, Alexianer-Krankenhaus Köln, in der Quarks & Co.-Sendung vertretenen Ansicht zur aktuellen Fassung des DSM-V anschließen: Es verschieben sich in der klinischen Diagnosepraxis aktuell Maßstäbe, die eine fachlich unzulässige umfangreiche Pathologisierung der Gesamtgesellschaft darstellen. Und zu vermehrten faktisch rechtswidrigen Zwangseinweisungen in Psychiatrien führen werden, die den bestehenden Grundrechtsschutz weiter einschränken, denn einer der DSM-V Herausgeber, Psychiater Henning Saß, ist einer der am häufigsten bestellten Gerichtsgutachter Deutschlands. Beate Zschäpe hat im Rahmen des NSU-Prozesses die Zusammenarbeit mit ihm abgelehnt, Saß kam trotzdem zur Auffassung, Sicherungsverwahrung sei prüfbar. Warum die deutschen Psychiatriebetten schon aus wirtschaftlichen Gründen dringend gefüllt werden müssen und woran das System insgesamt krankt, können Sie hier ausführlich nachlesen.

Die vorgenommenen diagnostischen Änderungen im DSM-V sind in rein wirtschaftlichen Motivationen begründet, denn der überwiegende Teil der DSM-Mitentwickler steht der Pharmaindustrie nahe, wie Cosgrove und Kimsky in ihrer empirischen Studie zur Besetzung der DSM-Arbeitsgruppen eindrucksvoll herausgearbeitet haben. Im Vordergrund stehen wirtschaftliche Erwägungen der Pharmaindustrie, nicht klientenzentrierte oder störungsspezifische Überlegungen. Mit der Neufassung des DSM-V soll nicht die Krankenversorgung verbessert werden, sondern zusätzliches Geld in leere Gesundheitssystemkassen gespült werden. Damit die kommende Revision der ICD ebenfalls entsprechende Anpassungen vorhält. Und deutsche Krankenkasse dann kurzfristig die Psychiatriebetten refinanzieren, die zuviel am Markt sind.

Wir lehnen eine derartige Vorgehensweise als unwissenschaftlich ab und schließen uns Dr. Lütz nachhaltiger Kritik vollumfänglich an. Künftig wird es noch leichter werden, psychisch völlig gesunde Menschen dauerhaft psychiatrisch unterzubringen. Unsere diesbezüglichen berufspolitischen Forderungen können Sie hier nachlesen.









 
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